Offroad Training in Polen

Anfang Mai stand etwas völlig Neues für uns auf dem Plan. Eine Woche Urlaub ohne Kiten. 630 Kilometer von Hamburg entfernt, ging es nach Pommern in Polen, auf einPrivatgelände von 1000 Hektar Größe.

Und das kam so: Vor einem Jahr haben wir auf der Messe Abenteuer & Allrad in Bad Kissingen unter anderem Holger von Zepbox kennen gelernt, der wiederum Kontakte zu einer niederländischen Firma hat, die Offroad Touren (in Polen) anbietet. So haben Holger und seine Moni kurzerhand eine Gruppe von 7 LKW zusammengetrommelt und auch wir wollen uns diese Gelegenheit nicht entgehen lassen, unter Aufsicht alles Mögliche und Unmögliche auszuprobieren.

Ein bisschen abenteuerlich ist bereits die Anreise. Wir sind am Samstag bis zu einem sehr idyllischen Stellplatz bei Stolpe in der Uckermark gefahren. Direkt an der alten Oder, zu Füßen eines alten Wehrturms. Lustigerweise haben wir dann festgestellt, dass Thomas und Marion mit ihrem Unimog nur 6,5 Kilometer weiter standen, sodass wir uns am nächsten Morgen zur gemeinsamen Weiterreise verabredet haben. Aus den 6,5 Kilometern Luftlinie wurden dann unglaubliche 28 Kilometer auf der Straße, da der Ort nur über Umwege erreichbar war. Zusammen ging es dann weiter zur Autobahn.

Da unsere Autos über 3,5 Tonnen zulässiges Gesamtgewicht haben, brauchen wir eine Mautbox von Viatoll. Aber so einfach ist die gar nicht zu beschaffen. Bei der ersten Tankstelle an einer Landstraße gibt es schonmal keine. Direkt an der Autobahn-Auffahrt nahe Stettin ist die nächste Tankstelle. Aber auch dort gibt es keine Box. Wir sollen zurück nach Deutschland fahren. An der nächsten Raststätte gäbe es die Box. Gesagt, getan. Leider spricht niemand Deutsch oder Englisch und von Freundlichkeit hat hier auch noch niemand etwas gehört, aber ein Russe kann übersetzen. Es dauert alles ziemlich lange und wir sollen einen Zettel ausfüllen. Als wir endlich soweit sind, stellt sich heraus, dass der Zettel nur für die Rückgabe der Box ist. Eine neue gibt es auch hier nicht. Allerdings auf der anderen Seite der Autobahn, in Richtung Polen. Um dorthin zu gelangen, müssen wir jedoch erst 10 Kilometer weiter die Ausfahrt nehmen und in der anderen Richtung wieder auffahren. Letztendlich finden wir die richtige Ausgabestelle mit einer unfreundlichen Mitarbeiterin, die uns nach fünf Unterschriften auf einem polnischen Vertrag die verdammte Box aushändigt. Jetzt geht’s endlich weiter. Die Straßen sind erwartungsgemäß schlecht. Auf der Mautstraße gibt es viele Baustellen. Nach einer knappen Stunde wechseln wir für die letzten 120 Kilometer auf eine kostenlose Landstraße. Mit 50 bis 70 schaukeln wir uns über die engen Holperpisten. Der Unimog punktet wahrscheinlich beim Fahrkomfort. Nach einer spicy Dönerpause erreichen wir gegen 17 Uhr das Camp in Kragle. Die meisten anderen sind auch schon da.

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Wir sind mitten in der Natur. Das Camp liegt an einem kleinen See. Kein Lärm, kein Licht, nur Vogelstimmen und Frösche im Hintergrund. Auf einem Hügel eine kleine Hütte, die uns als Speisesaal dient und dahinter ein halb zerfallenes Haus mit improvisierter Toilette und Dusche. Trinkwasser gibt es in Flaschen. Das Brauchwasser stammt aus einem riesigen Wasserbehälter auf einem Anhänger, der alle zwei Tage von einem Trecker abgeholt und wieder aufgefüllt wird. Eine Pumpe und ein paar Schläuche übernehmen die Verteilung.

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Die Gruppe ist bunt gemischt. An LKW waren ein Unimog 435, ein Iveco Eurocargo, ein Iveco 110-17, ein DAF Leyland, zwei Steyr 12M18 und unser Mercedes 917 dabei. Alle waren super nett und wir hatten wirklich viel Spaß zusammen, sei es im Auto, über Funk, beim Essen oder am Lagerfeuer.

So ein typischer Tagesablauf im Camp sieht folgendermaßen aus: Ab 8 Uhr macht jemand aus der Gruppe das Frühstück. Um 9:30 Uhr starten die Motoren und das Spiel beginnt. Unser Bergefahrzeug, der Reo, mit Leon und Stanislav als Besatzung, führt die Gruppe ins Gelände. Von 13 bis 14:30 Uhr ist Mittagspause und es gibt von Ela zubereitetes Essen. Keine Chance zu verhungern. Danach noch einmal Spielen im Gelände und anschließend Abendessen, erneut liebevoll von Ela und ihrer Familie zubereitet.

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Das Gelände ist hügelig und besteht aus brachliegenden Feldern. Ab und zu muss man durch schlammige Stellen oder Gräben fahren, auch durch Wege, die so zugewachsen sind, dass man normalerweise nie auf die Idee kommen würde, seinen LKW dort hindurch zu fahren. Das Geräusch, wenn Äste am Metall des Fahrerhauses kratzen, war uns nicht neu, aber so heftig haben wir es noch nicht gehabt. Gleichzeitig müssen wir noch zusehen, dass wir uns da drin nicht fest fahren oder einen großen Stein mitnehmen.

Dann gibt es noch steile Auf- und Abfahrten, die wir mit eingeschalteten Differentialsperren meistern. Überhaupt sind wir die gesamte Woche mit Untersetzung und gesperrtem Mitteldifferential gefahren. Bei einigen Schlammlöchern oder steilen Auffahrten zusätzlich noch mit gesperrtem Heckdifferential. Sorry für die Fachausdrücke, aber die gehören hier auch mal hin.

Ab und zu gehen bei dem ganzen Geschaukel unsere Klamottenschränke auf und wir können anschließend alles wieder einsortieren. Am zweiten Tag klebe ich die einfach mit Klebeband zu. Aber nicht nur die Schränke, sondern auch die klitzekleinen Entlüftungslöcher unserer Eingangstür. Es raschelt nämlich in der Tür und ab und zu fallen ganz kleine Schnipsel des Dämmstoffes heraus. Irgendein Tier möchte sich in unserer Tür einnisten. Nach dem Zukleben versucht das Tier, herauszukommen. Ich löse das Klebeband etwas und nach kurzer Zeit kommt eine Wespe heraus. Klebeband wieder drauf und der Eingang ist verschlossen.

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Am heißesten Tag der Woche verlegen wir die Nachmittagsfahrt auf den Abend. Vorher gibts noch ein Eis im Schatten, wobei es nicht irgendein Schatten sein darf. Denn nur ein Mercedes-Schatten ist ein guter Schatten 😉 .

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Gegen 20 Uhr geht’s los. Im Dunkeln einen Weg finden, ist doch noch mal schwieriger. Ich freue mich, dass ich endlich mal meine LED-Leiste auf der Dach einsetzen kann. Das Ding macht wirklich Laune. Ich kann stellenweise dem Reo den Weg leuchten, obwohl der zwei Fahrzeuge vor mir fährt, denn bei dem ist das komplette Licht kaputt und Leon hilft sich mit der Taschenlampe, was von hinten sehr witzig aussieht.

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Josi kommt ja normalerweise nicht in den Genuß, den LKW fahren zu dürfen, weil sie nicht den passenden Führerschein hat. Da wir uns hier auf Privatgelände bewegen, spielt das diese Woche jedoch keine Rolle. Am zweiten und dritten Tag fährt sie jeweils eine komplette Tour und hat Spaß als Truckerin. Auch wenn ihr nach dem ersten steilen Hügel und dem ersten Schlammloch die Hände vor Aufregung zittern. Zumindest wissen wir jetzt, dass Josi im Ernstfall auch in schwierigen Situationen das Auto bewegen kann.

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Einige Passagen waren sogar für den Reo zu schlammig. Manchmal konnte der Unimog ihn wieder herausziehen.

Als der Reo das nächste Mal fest sitzt, soll der Unimog ihn erneut rausziehen, muss dazu aber auch erstmal durch das Schlammloch und kommt nicht durch. Damit sitzen die beiden Jocker fest.

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Jetzt soll der Iveco den Unimog rückwärts herausziehen. In dem Moment reißt mitten im Gelände der Keilriemen, der den Luftpresser versorgt. Ohne Druckluft sitzen die Bremsen fest und man kann den Wagen nicht mal abschleppen.

Nun sind drei Fahrzeuge lahm gelegt. Wir spannen jetzt einen Steyr und unseren Mercedes hinter den Reo. Ohne Erfolg. Bzw. der Steyr hat sich jetzt auch eingegraben. LKW Nr. 4. Ich kann dann zumindest den Steyr allein heraus ziehen.

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Der Unimog wird von einem Trecker befreit und diese beiden schaffen es dann auch, zusammen den großen Reo zu bergen.

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Für den Iveco war nach einigen Stunden ein neuer Keilriemen besorgt, vor Ort getauscht und es ging weiter. Abends jedoch plötzlich das gleiche Spiel: Der Keilriemen reißt erneut. Da macht man sich schon etwas Sorgen. Später stellte sich heraus, dass es nicht die richtigen Riemen waren. Jetzt ist wieder alles in Ordnung.

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In dieser Woche wurde jeder mindestens einmal aus dem Schlamm gezogen. Wir insgesamt viermal.

Neben gefühlten tausend neuen Kratzern (die man zum Glück kaum sieht) haben wir auch ein paar kleine Schäden zu verzeichnen: Die untere Einstiegsstufe der Beifahrerseite ist angebrochen. Die sah schon immer so instabil aus. Muss neu. Die Radioantenne ist genau an der Kante zu unserem Dachträger abgebrochen. Ich vermute, ein Ast hat die gegen die Kante gedrückt und dort abgeknickt. Viel aufwändiger ist die Reparatur des Faltenbalgs, dem Durchgang der die Kabine mit dem Fahrerhaus verbindet. Das Ding ist aus Gummi weil sich Kabine und Fahrerhaus gegeneinander verschränken müssen. Trotzdem ist das Gummi oben komplett abgerissen. Nach einem Vergleich mit den anderen Fahrzeugen wissen wir jetzt, dass unser Kabinenbauer das hätte besser konstruieren können, indem er den Abstand zwischen Kabinenseite und Fahrerhausseite angleicht und nicht oben bei 20 cm und unten bei 5 cm belässt. Zum Glück haben wir im Fahrerhaus noch eine Klappe vor den Durchgang gebaut, sonst hätten wir jetzt dort ein Loch wo es reinregnet und während der Fahrt durchzieht. Trotzdem muss ich das noch provisorisch abdichten bevor es wieder regnet. Und besser es passiert jetzt, als in zwei Monaten auf Island.

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Meine Highlights waren:

– Quer zum Hang fahren und merken, wie das ganze Fahrzeug seitlich ins Rutschen kommt und man zunächst nichts dagegen tun kann. Geholfen hat: auskuppeln, bis zum Stillstand warten, Hecksperre einlegen, im Standgas zunächst etwas mit dem Hang fahren und dann wieder bergauf lenken.

– Steile Hügel im zweiten Gang mit Untersetzung hoch, merken, wie sich das Reifenprofil in die Wiese krallt und die Kraft des LKWs spüren.

– Eine sehr steile Auffahrt zu meistern, die der Unimog am Tag davor nicht geschafft hat. Wir sind dieses Steile Stück dann zunächst nur runter gefahren (erster Gang mit Untersetzung und teilweise Motorbremse), wobei ich vor Aufregung schon in Schwitzen gekommen bin und Josi vorher ausgestiegen ist. Am Tag danach war der Boden noch trockener und der Unimog hat vorgelegt. Ich habe es dann mit allen Sperren zunächst im zweiten Gang versucht, aber der Wagen ist kurz vorm Ziel abgesoffen. Beim zweiten Versuch im ersten Gang und ganz langsam ist unsere Bergziege dann tatsächlich dort hochgekrabbelt. Wieder runter war dann ein Kinderspiel.

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Auf unserem Rückweg über Swinemünde an der Ostsee entlang,  fallen übrigens auf der ganzen Strecke durch Polen keine Mautgebühren an.

Samstag und Sonntag kommen wir beide in Boiensdorf noch zum Kiten. Josi mit dem 13er und ich mit dem 9er und Foil. Am Sonntag ist es sogar so warm, dass Josi nur in Boardshorts aufs Wasser gehen kann – wie in Brasilien 🇧🇷

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Der größte Zufall ereignet sich noch am Sonntagabend auf der A1 im Stau. Ohne Vorwarnung steht plötzlich das Wohnmobil meiner seit Jahren nicht mehr getroffenen Freunde Christian und Marion aus Goslar neben uns.

Insgesamt war es eine super schöne Zeit, ein ganz anderer Urlaub als sonst, aber durchaus sehr erholsam. Auch das Wetter hat mitgespielt und uns eine sonnige und heiße Woche beschert. Wir haben beide zum Thema LKW und Offroad einiges dazugelernt und wieder sehr nette Menschen kennengelernt. Falls ihr das hier lest, danke an alle, wir freuen uns auf ein Wiedersehen!

Hier gibt es noch zwei kurze YouTube Videos dazu:

Video 1

Video 2

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2 Antworten auf „Offroad Training in Polen“

  1. Hey, super Bericht und tolle Videos. Schade das ich es nicht geschafft habe aber nächstes Jahr bin ich wieder dabei. Hoffe Euch dort auch zu treffen!

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